Ich werde in eure Gräber urinieren
Vor einiger Zeit ging mir wieder mal das schon öfter gehörte Zitat “Vorteile der MS” durch den Kopf. Dieses mal mit zum Teil recht lustigen Ideen in welchen Situationen man von der Diagnose und den in Folge oft damit verbundenen Einschränkungen Vorteile haben könnte.
Ein einfaches, wenn auch nutzloses, Beispiel: Eigentlich könnte ich jedem Ordnungshüter in der Öffentlichkeit einen sog. Stinkefinger zeigen und das mit einer heftigen Spastik im Mittelfinger rechtfertigen. Das wäre durchaus plausibel, ich werde seit Jahren gegen starke und unkontrollierbare Spastiken palliativ behandelt. Das ist alles dokumentiert, seit einigen Jahren beziehe ich deswegen sogar ein THC-haltiges Medikament auf Btm-Rezept.
Klar, die blöde Diagnose MS ist natürlich immer für Ausreden geeignet. Aber man lernt damit zum Teil sehr nette Leute kennen und sie führte mich schließlich zur Liebe meines Lebens (oder diese zu mir?). Alles tolle Vorteile, aber irgendwie kann man das ja oft auch als Gesunder hinkriegen.
Nun hat sich in letzter Zeit immer deutlicher herausgestellt dass es in meiner Familie einige Subjekte gibt die sich wie der letzte Arsch aufgeführt haben, sei es verbal oder durch Fernbleiben wenn wirklich mal Hilfe benötigt wurde. Jeder Versuch ein paar vernünftige Worte zu wechseln festigte seit einiger Zeit nur meinen Vorsatz: Ich gebe mir keine Mühe mehr, ich kenne diese Leute nicht mehr und wenn die hier auftauchen sollten werte ich das als Hausfriedenbruch und werde die Ordnungshüter um Hilfe bitten (deshalb kann ich mein Beispiel mit dem Stinkefinger auch vergessen, ich brauche die nette Herren in Uniform ja vielleicht noch um mich als Behinderten zu beschützen).
Aber in letzter Zeit haben es diese leider mit mir verwandten Subjekte auch so weit getrieben dass es mir eine Genugtuung wäre, ihnen mal zu zeigen was ich von ihnen halte. Da vermutlich einige von denen altersbedingt vor mir aus dem Leben scheiden werden, andere aber vielleicht auch nicht, drängt sich mir gelegentlich der Gedanke auf entgegen meiner Vorsätze an deren Bestattungen teilzunehmen.
Eine bescheuerte Auswirkung der MS ist eine Blasenschwäche, imparativen Harndrang und Reizblase kenne ich inzwischen recht gut. Also kann ich mich theoretisch in der Rolle des trauernden und erschütterten Verwandten im Rollstuhl zum Abschied nehmen an das offene Grab schieben und dem Harndrang freien Lauf lassen.
Ich würde das natürlich auf Emotionen, MS und meine durch den angeblichen Verlust von dem verwandten Subjekt geschwächte Gemütslage schieben und keines der anderen anwesenden verwandten Subjekte könnte mich dafür öffentlich kritisieren.
Na gut, das klappt vermutlich auch nicht. Die sind zum Teil so arschig und nur auf sich bezogen, die würden sogar vor der Kirche ein riesiges Theater machen, auch wenn sie damit allen Anwesenden ihren wahren erbärmlichen Charakter zeigen würden.
Aber schon der Gedanke an so eine Show wird mich vermutlich heute wieder gut und zufrieden einschlafen lassen, sollte es irgendwann doch zu so einer Situation kommen werde ich natürlich in meinem Tagebuch davon berichten.