Eine Vorsorgevollmacht muss sein

Samstag, September 30, 2017

Nachdem wir 2016 und 2017 hautnah erleben durften was alles davon ahängen kann haben wir mit notarieller Unterstützung relativ zeitnah dafür gesorgt dass uns im Ernstfall nicht ständig Steine vom Betreuungsgericht, Rechtspflegern und Verfahrenspflegern in den Weg gerollt werden.

Steine ist dabei noch arg untertrieben, das war eher Geröll bzw. Felsbrocken was uns fast zwei Jahren richtig das Leben versaut hat.

Eigentlich fing es recht harmlos an, unsere Tante erlitt einen zweiten Schlaganfall der ihr ziemlich zusetzte. Nach dem ersten Schlaganfall waren hauptsächlich motorische Ausfälle geblieben aber aus meiner Sicht wird der Gebrauch von Beinen und Armen ja eh überbewertet.

Aber nun war es auch noch vorbei mit Schlucken, Sprechen, Blasen- und Darmkontrolle usw. und es blieb zur Ernährung nur noch die Entscheidung zwischen einem Schlauch oder es ganz zu lassen. Das zweite wäre aus unsere Sicht das einzig richte gewesen, aber durch Kopfschütteln bzw. Nicken konnte die Tante deutlich machen dass sie weiterleben will und den Schlauch durch die Bauchdecke wählt.
Vor einigen Jahren ist ihr Mann erkrankt, da hat sie selbst gemerkt wie bescheuert es ist in solchen Situationen keine Vorsorge getroffen zu haben. Sie dufte nichts entscheiden und verbrachte endlose Zeiten beim Gericht, war aber nach seinem Tod immer noch zu blöd oder zu faul für sich selbst vorzusorgen.

Es kam also wie es kommen musste, das Krankenhaus wendete sich an das Betreuungsgericht bzgl. der OP-Entscheidung und die schauten dann mal wer aus der Sippe als Betreuer in Frage käme. Die Auswahl war überschaubar, die beiden Schwestern der Tante waren aus Sicht des Gerichts viel zu alt aber meine über Alles geliebte Ehefrau war zufällig gerade anwesend. Man kennt das aus dem Kino, Stirb langsam 1-x, “zur falschen Zeit am falschen Ort”. Aber vermutlich hätten die uns so oder so gefunden, spätestens wenn das Gericht von den alten Schwestern von unserer Existenz erfahren hätte. Ich kam aus gesundheitlichen Gründen übrigens nicht in Frage.

Also nach kurzem deutlichen Nicken der Tante gegenüber dem Gericht wurde die OP vereinbart und meine über Alles geliebte Ehefrau als Betreuerin eingesetzt. Damit begann erst mal die da noch toll klingende Märchenstunde unserer Gerichtsbarkeit:

  • Sie brauchen nicht viel tun
  • Wir werden sie jederzeit unterstützen
  • Sie können sich immer an uns wenden
  • Sie können jederzeit wieder aufhören
  • usw.

Nun liebe Leser, wenn ihr je in so eine Situation kommt und solchen verlogenen Scheiss vom Gericht hört dann lauft so schnell ihr könnt und versteckt euch lieber im Ausland.

Also der Schlauch war nun drin in der Tante, wohin nun mit ihr. Mein Verhältnis zur Tante war schon einige Jahr gestört und ich hatte mir fest vorgenommen kein Wort mehr mit ihr zu wechseln. Das brauchte ich nun auch nie wieder, ging ja eh nicht mehr von ihrer Seite, aber ich bin weder nachtragend noch lasse ich jemanden in solch einer Lage hängen (meine über Alles geliebte Ehefrau hat natürlich mit mir gesprochen bevor sie dieses bescheuerte Ehrenamt übernahm und ich unterstützte also ihre Entscheidung).

Zufällig wohnte die Tante auch noch in der Wohnung neben uns und lehnte jegliche Art von Heimunterbringung durch heftiges Kopfschütteln ab, sie wollte nach hause. Das konnte ich gut verstehen aber wie sollte das denn gehen. Ach ja, es gibt doch 24-Stunden-Pflege und die Familie ist groß, also ran und Agenturen anfragen.

Nun gut, wir haben in 18 Monaten 10 Betreuer aus Osteuropa kennen gelernt. Davon war eine super, eine war ganz gut und der Rest waren Schwachköpfe die man ständig beaufsichtigen musste. Wenn bei kurzfristgem Personalmangel die Familie um Hilfe gebeten wurde kamen blöde Sprüche wie “Wie stellst du dir das vor, wir müssen ins Theater?” oder “Dein Cousin ruft bitte nicht an, der kann aus persöhnlichen Gründen nicht”. Nur ihre ältere Schwester, selbst schon recht betagt und gebrechlich, war nach anfänglichem Zweifeln regelmäßig mehrere Tage in der Woche stundenweise bei der Tante um uns alle zu entlasten.

Die eingesetzten Hilskräfte waren oft zu blöd den Staubsauger zu leeren, eine Windel zu wechseln oder die Wohnung zu lüften. Es war also schon eine sehr nervige Zeit, aber irgendwie auch in Ordnung. Die Tante hat noch zwei Sommer in ihrem Garten bzw. ihre letzten 18 Monate zuhause verbracht, hatte fast täglich Besuch von Therapeuten und konnte sogar wieder etwas lachen. Ob es das Wert war dass meine über Alles geliebte Ehefrau dafür ihren Beruf aufgab und ihr schon bezahltes Fernstudium sausen liess kann keiner beurteilen.

Das ging dann soweit dass ich alter Kulturbanause sogar Schnabeltassen bei ebay erwarb damit sie bei uns Espresso trinken konnte.

Nach einem Jahr kam es jedoch anders, das Gericht war wie ausgewechselt und kritisierte alles was bis dahin gelaufen ist.

  • Wir sollten die Tante lieber ins Heim stecken, da kann sie auch im Garten sitzen.
  • Die Rechnungslegung wäre wohl noch mal zu überdenken
  • Die Tante sei schon lange nicht mehr geschäftsfähig
  • Unser Sozialsystem und die Pflegekassen würden für jeden sorgen
  • usw.

Wohl bemerkt, das gleiche Gericht das uns ein Jahr zuvor bei dieser vom Sozialdienst im Krankenhaus empfohlenen Lösung unterstützt hatte stellte nun alles in Frage und glaubte vermutlich den Blödsinn den es jetzt erzählte. Meine über Alles geliebte Ehefau war ständig unterwegs, besorgte Hilfsmittel, Verordnungen und Lebensmittel. Aber wegen der Erstattung weniger Kilometer vom Konto der Tante mit ihrem ausdrücklichem Einverständnis bestellte das Gericht sogar einen Zusatzbetreuer. Auch wurde Mitte 2017 ein teuerer Gutachter geschickt um festzustellen ob die Tante 15 Monate vorher noch geschäftsfähig war, der ist inzwischen bestimmt als Hellseher berühmt.

Als es wenig später mit der Tante zu Ende ging verzichteten wir auf die inzwischen eher belastendende Anwesenheit von ungelernten osteuropäischen Hilfskräften mit Angst vor dem Sterben und meine über Alles geliebte Ehefrau kümmerte sich allein um die Tante und begleitete sie zuhause rund um die Uhr bis in den Tod.

Dafür auch noch mal auf diesem Weg: Liebe Ehefrau, danke dass du dich so gut und aufopfernd um unsere Tante gekümmert hast!

Aber eines haben wir gelernt, das Vorsorgen per Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung ist extrem wichtig um nicht in die Hände von Betreuungsgericht und Berufsbetreuern zu geraten. Wer das noch nicht getan hat dem empfehle ich das schleunigst zu tun.