Billig und unauffällig Verwandte entsorgen
Da habe ich doch letztes Jahr direkt in der ersten Reihe sitzend mitbekommen, dass auch der größte Teil meiner verbliebenen Verwandschaft genau das anstrebt und durchzieht, wenn sich seine Reihen lichten. Ich habe in der Tat einige Monate gebraucht um mir darüber klar zu werden ob ich das Geschehene hier in meinem virtuellen Tagebuch verarbeiten sollte. Aber ich merke immer stärker, ich muss das endlich mal ver- u. abarbeiten, sonst fange ich immer wieder an darüber nachzudenken.
Wenn ich früher öfter sagte, ich hätte eine schwere Kindheit gehabt, war das eigentlich mehr zum Spaß. Rückwirkend betrachtet war nicht alles schlecht und im Vergleich zu heute fand ich die Verwandten recht vernünftig. Dass die Verbliebenen sich inzwischen so entwickelt haben dass ich ihre Nähe kaum noch ertragen kann ohne ausfallend, handgreiflich oder gewalttätig zu werden hätte ich früher nie gedacht. Was ist in den letzten Jahren passiert das meine Wertschätzung der verbliebenen Verwandten so hat umschlagen lassen?
Es waren einmal Onkel und Tante, die lebten harmonisch in der Wohnung neben uns. Ich war schon länger krank, konnte mich aber immer auf den Onkel verlassen, also eine sehr große Hilfe. Rückwirkend glaube ich auch, dass genau die beiden sich damals am meisten gefreut haben wie meine über alles geliebte Ehefrau und ich zusammen kamen und heirateten. Vor einigen Jahren erkrankte dann der Onkel und segnete kurz darauf das Zeitliche. Blöd, da sind überall, vor allem in seinem Schädel, Dinge gewachsen und gewuchert, die dort eigentlich nicht hin gehören.
Die Tante hat das nie überwunden aber machte so ihr Ding. Irgendwann merkte ich allerdings, dass sie nicht so richtig mit meiner Krankheit zurecht kam bzw. nicht so damit umging wie es eigentlich sein sollte. Wenn ich mal aus Schwäche nicht in der Lage war an einer Veranstaltung teilzunehmen war ich blöd und würde mich mutwillig ausgrenzen. Wenn ich auf die Hilfe meiner über alles geliebten Ehefrau angewiesen war und sie oder ihre Schwester ihren Hintern mal in ein Taxi wuchten mussten statt unseren Schuttle-Service zu nutzen, dann war ich der Buhmann und Egoist. Wenn ich mit Fieber geschwächt im Bett in meinen Exkrementen lag, mussten Sie oder ihre Schwester shoppen und meine über alles geliebte Ehefrau durch sinnlose Trödelei von mir fernhalten. Irgendwann war uns das zu blöd geworden und diese Tante/Nachbarin war nur noch Luft für uns. So konnte sie dann lange Zeit ihren Frust mit Traatsch und übler Nachrede in der Nachbarschaft über uns befriedigen, bis wir uns zuhause vorkamen wie auf einer einsamen Insel. Na gut, da es mir auch immer schlechter ging kam mir das zum Teil sogar gelegen. Trotzdem ein doofes Gefühl so langsam out zu sein.
Aber dann erkranke sie auch. Als nach ihrem zweiten Schlaganfall fast nichts mehr von ihr zu gebrauchen war und ihre Entsorgung gegen ihren ausdrücklichen Wunsch ins Pflegeheim bevorstand haben wir es nicht über das Herz gebracht das zu zulassen. Hilfe von irgendwelchen Verwandten war nicht zu erwarten, das hatten wir schnell begriffen. Aber diese ständige Sabotage und das Knüppel zwischen die Beine werfen waren nur noch abstoßend. Trotzdem hatte unsere Tante noch etwa 18 Monate in denen sie ihr Zuhause, ihren Garten und gelegentlich unseren Kaffee geniessen konnte (he he, ich ersteigerte sogar extra Schnabeltassen in der Bucht). Sie lernte viel mehr Leute kennen als in den letzten Jahren und konnte auch öfter lachen bevor sie friedlich und nicht einsam und alleine endgültig in ihrem Zuhause einschlief.
Zum Glück hatte sie in der Zeit wo sie für uns und wir für sie Luft waren ein Testament gemacht und ihren anderen Neffen zum Alleinerben erklärt. Wir, besonders natürlich meine über alles geliebte Ehefrau, hatten uns 18 Monate den Arsch aufgerissen damit die Tante zuhause versorgt werden und dabei mit ihrer Rente auskommen konnte. Daher waren wir natürlch froh, dass jetzt mal andere dran waren und Beerdigung und Haushaltsauflösung von den verbliebenen Verwandten organisiert werden sollten. Die rechtliche Betreuung für die Tante endete mit ihrem letzten Schnaufer und wir konnten auch erst mal verschnaufen.
Was dann kam war allerdings nur noch armselig und das hatte unsere Tante bestimmt nicht verdient. Damit komme ich zu dem eigentlichen Thema dieses Beitrags. Die lieben Verwandten versammelten sich um die sogenannte Bestattung zu besprechen, wählten dafür einen Bestatter mit dem wir bestimmt nie einverstanden gewesen wären und taten wirklich alles Menschenmögliche um uns auszuschliessen bzw. zu übergehen. Es fing damit an, dass wir am nächsten Tag frühzeitig vor unserer Wohnung gesessen haben damit auch ich mich von der Tante verabschieden und meine Senf dazu geben könnte. Wegen meiner Krankheit und den damit verbundenen Einschränkungen war mir ein Besuch an ihrem Sterbebett ja leider nicht mehr möglich gewesen. Irgendwann stellten wir dann fest, dass man die Leiche schon mal durch die Hintertür abtransportiert hatte und die Bestattung war auch schon organisiert. Na gut, die werden schon wissen was sie da tun.
Es gab später sogar eine Art Traueranzeige im lokalen Blättchen, dort wurde ich sogar ungefragt als trauernd aufgeführt. Das Ding sah so billig aus dass mir das eher peinlich war, nicht einmal für die Uhrzeit der Bestattung reichte die Eloquenz der Organisatoren. Später wurde uns klar dass weder Nachbarn noch Freunde der Tante informiert wurden, Trauerkarten usw. gleich Pustekuchen. So war es dann auch nicht weiter verwunderlich dass praktisch niemand zu der Beerdigung kommen konnte, so kann man natürlich auch sparen.
Mal ganz davon abgesehen dass unsere Tante so ein armseliges Verscharren nicht verdient hatte können wir uns auch immer noch nicht des Eindrucks erwehren, dass der eine oder andere Mitbürger gerne zu der Beerdigung gegangen wäre und uns die Schuld daran gibt. Wir haben ja die Tante zuletzt betreut und hätten ja mal was sagen können. Hallo, das haben wir getan. Mehrfach forderten wir die Organisatoren dieser Verscharrung auf, die Freunde und Nachbarn der Tante zu informieren und ihnen Trauerkarten zu schicken, haben dafür sogar noch Unterstützung angeboten. Aber das passierte nicht und es lag nicht mehr in unserer Hand für einen würdigeren letzten Weg der Tante zu sorgen. Schade wenn jemand uns dafür jetzt immer noch die Schuld gibt aber dann ist es eben so, es ist ja auch viel einfacher auf Traatsch und üble Nachreden zu hören anstatt mal selber zu denken.
Liebe Tante, ruhe in Frieden. Ich hoffe du bist jetzt wieder mit dem Onkel (der uns immer noch fehlt) vereint, in einer anderen besseren Welt existierend, wo ihr von zukünftig sterbenden buckligen Verwandten nicht gefunden werden könnt.