Das hätte ich schon lange tun sollen
Vermutlich kennen viele Leute das blöde Gefühl kaum zu Wort zu kommen. Egal was man sagt, sein Gegenüber hat sofort das Ruder in der Hand und erzählt nur noch von sich. Versucht man in dieser Situation das Thema zu wechseln wird das entweder ignoriert oder führt zu dem nächsten Wortschwall der Selbstbeweihräucherung. Manche Leute können eben jedes Thema sofort aufgreifen, wissen alles besser, können alles besser und haben praktisch alles schon mal selbst erlebt.
Vor vielen Jahrzehnten setzte ich mir in den Kopf eine berufliche telefonische Bekanntschaft durch einen Besuch etwas zu vertiefen und mal zu schauen was daraus werden könnte. Was soll ich sagen, es handelte um solch ein Exemplar das mich vermutlich langfristig zu Tode gequatscht hätte. Klar hätte ich vermutlich in der ersten Zeit ihre Redeschwälle durch gewisse körperliche Aktivitäten eindämmen können. Aber das war schon zu spät, so abgetörnt wie ich nach kurzer Zeit bei jeder Begegnung war, wäre das für beide Seiten nur enttäuschend verlaufen. Also lächeln, tapfer Kommunikate in großen Mengen ertragen, und sich danach wieder dem richtigen Leben zuwenden dachte ich mir. Das klappte auch soweit ganz gut. Das Leben ist einfach viel zu kurz um nervige Redeschwälle zu ertragen dachte ich völlig korrekter Weise. Wir wiederholten diese Begegnung nach einigen Jahren aber das Ergebnis war immer gleich.
Anders sieht es dann aber aus wenn es eine gewisse Abhängigkeit zu geben scheint. Im vorletzten Jahr wechselte mein Physiotherapeut aus persönlichen Gründen den Arbeitgeber. Ich merke schon lange selbst wie gut mir Krankengymnastik tut, es ist nicht mehr so wie vor vielen Jahren wo meine überalles geliebte Ehefrau mich praktisch dahin tragen musste (Danke für deine unermütliche Überzeugungsarbeit Schatz). Inzwischen benötige ich aus gesundheitlichen Gründen die KG als Hausbesuch. Völlig klar, das Angebot dafür ist überschaubar. Daher war ich auch froh nach nur zwei Anrufen jemanden gefunden zu haben der das zukünftig machen würde.
Tja, was soll ich sagen. Da war nach kurzer Zeit wieder das blöde Gefühl nie seine Sätze bis zum Ende aussprechen zu können. Aber egal, Gesundheit geht vor, also Ohren zu und durch dachte ich.
Aber mit der Zeit zeigten sich noch andere Eigenschaften die einem Therapieerfolg aus meiner Sicht völlig entgegen wirkten. Es fing schon mit der Pünktlichkeit an. Jeder kann sich gelegentlich verspäten, aber 30-90 Minuten wurden schnell zur Regel. Für mich als abhängig Beschäftigter langfristig war es kaum noch tragbar ständig meine Termine zu verschieben oder Kollegen und Kunden zu vertrösten. Wenn dann noch ständig das Handy klingelt und die Therapeutin für jeden Anruf die Behandlung unterbricht statt sich mal auf die Sache zu konzentrieren fängt man langsam an, den Sinn solcher Therapie zu bezweifeln. Jede Gelegenheit für eine Unterbrechung wurde genutzt, sie schaute lieber aus dem Fenster in den Garten statt auf den Patienten. Das alles natürlich begleitet von zahlreichen, sehr einseitigen, Kommunikaten. Als ihr Hund krank war fielen Termine aus, jeder hat eben seine Prioritäten.
Das ständige Abstellen ihrer Tasche neben unserer neuen Espressomaschine und das Ablegen ihrer Jacke auf dem sauberen Bett waren zwar schwer mit unserem Verständnis von Hygiene in Einklang zu bringen, aber anscheinend sind manche Menschen so gedankenlos. Über den ständigen Gestank von Weichspüler machte ich mir auch mit der Zeit immer weniger Gedanken.
Aber kürzlich reichte es uns dann endgültig. Schon als die Dame den Raum betrat dachte ich, irgendwas ist anders, sie könnte mal wieder ein Bad nehmen. Später, nach der Behandlung, merkte ich, dass meine Klamotten und meine Haut an den vor ihre berührten Stellen entsetzlich nach Chemie stanken. Konkret ein fürchterlicher Geruch nach Mottenpulver und Baygon (Ich kenne diesen fiesen Geruch noch aus meiner schweren Kindheit) oder der Wurmkur eines Hundes. Abends entledigte ich mich meine Klamotten und duschte ausgiebig, weil ich merkte dass meine neurologisch Begründeten Ausfälle heftig zunahmen. Meine Beine kamen kaum noch aus dem Zittern raus und ich erwog eine Anzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Meine Kleidung musste drei mal gewaschen werden um dieses Gift daraus zu entfernen, mein rechter Arm stank noch zwei Tage nach dem Zeug.
Meine Güte, ich habe eine schwere neurologische Erkrankung, bin also recht sensibel auf solche Stoffe und dann macht jemand der meine Symptome behandeln soll, der es auf jeder Verordnung schriftlich hat, solchen Blödsinn. Nach 4-5 Tagen ging es mir langsam wieder besser. Wenn ich mir vorstelle, dass ein kleines Kind mit solcher Gift-Dröhnung in Berührung kommt, da ist die spätere Diagnose MS mehr als wahrschenlich. Ich beendete die Therapie per Anruf mit der Begründung “mangelnder Bedarf”. Bei einer weiteren Begegnung wäre ich vermutlich gewalttätig und damit straffällig geworden.
Dann machte ich mich mal wieder auf die Suche nach KG mit Hausbesuch. Ich stellte fest dass mit den Jahren auch das Angebot etwas besser geworden zu sein schien. Und schon beim zweiten Anruf hat es geklappt, im Juni geht es los. Interessanter Weise bin ich zukünftig in Behandlung von genau der Praxis, über die sich meine letzte Therapeutin mir gegenüber eher negativ äußerte. Die würden sich ja so schrecklich breit machen sagte sie, genau diese unqualifizierte und unangemessene Aussage bestärken mich nun in meiner Vorfreude, endlich mal wieder eine wirksame Therapie zu erhalten.